Leseprobe Timanfaya—Verschollen in den Feuerbergen

Textfeld: Anatol

Mit einem Mal spüre ich etwas. Ein merkwürdiges Gefühl beschleicht mich, ich komme mir vor, als würde ich beobachtet werden. Das gibt’s doch nicht, sage ich mir, es war wohl doch Zeit, Urlaub zu nehmen. Ich rutsche in meinem Liegestuhl etwas höher und greife zu meinem Cocktail. Plötzlich zucke ich zusammen. Wenige Schritte vor mit steht ein älterer Mann in einem weißen Anzug und schaut mich an. Moment mal, den kenne ich doch? Ja genau, den habe ich am Flughafen gesehen. Was will der denn hier? Der Mann spricht mich an: „Buenos Dias, Señor Gruber“. Ich zucke zusammen, woher kennt der Mann meinen Namen? „Guten Tag“ antworte ich ihm „mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Mein Name ist Anatol. Ich bin Anwalt, der Anwalt von Señor Victor Pineda.“ Der Name sagt mir gar nichts, daher bleibe ich stumm und mustere den Anwalt. „Victor Pineda, mein Mandant, sucht seine Tochter. Sie ist spurlos verschwunden. Er möchte, dass Sie sie wiederfinden.“ Mir bleibt kurz die Spucke weg. Da liegt man nichts ahnend und Ruhe suchend am Strand und auf einmal kommt ein Mann daherspaziert und fragt einen, ob man die Tochter von jemand anders suchen könne? Gibt’s das? „Moment mal“ sage ich „ich verstehe gar nichts. Wie kommen Sie darauf, dass ich Señor Pinedas Tochter suchen könnte?“ „Wir wissen, dass Sie Steuerfahnder sind und darauf spezialisiert sind, verschwundene Personen zu finden. Und soweit wir wissen, sind Sie nicht der Schlechteste.“ So ist das also. Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen? „Ich bin eigentlich hier, um Urlaub zu machen. Und wozu gibt es eigentlich eine Polizei?“ Anatol zuckt nur hilflos mit den Schultern, als ich ihn danach frage. Die Polizei sei machtlos, sagt er mir und hätte schon erfolglos versucht, Carmen zu finden. Hmm, merkwürdig. Ist die kanarische Polizei so schlecht? Das kann ich eigentlich nicht glauben. Trotzdem, ich mache hier Urlaub und dabei bleibt es. „Es tut mir Leid, aber ich bin hier, um Urlaub zu machen, nicht um verschwundene Mädchen zu suchen.“ Mit diesem Bescheid scheint der Mann gerechnet zu haben. „Wissen Sie, Señor Gruber, Señor Victor Pineda würde sich als überaus großzügig erweisen, wenn Sie seinen Auftrag annehmen. Er hat mich angewiesen, Ihnen sofort 5000 Euro zu übergeben, wenn Sie bereit sind, seine Tochter zu finden ...“ 5000 Euro? Was soll das? Glaubt dieser Anwalt wirklich, mich mit Geld ködern zu können? „... und weitere 45.000 Euro warten auf Sie, wenn Sie Carmen wirklich gefunden haben.“ Ich glaube, mich verhört zu haben. Wie war das eben? 5000 Euro sofort und 45.000 Euro bei Erledigung des Auftrages? Ich komme ins Grübeln. Warum zahlt ein Mann 50.000 Euro, um seine verschwundene Tochter wieder zu finden? Für diesen Betrag könnte er wahrscheinlich mit der Polizei die ganze Insel durchsuchen lassen. Da stimmt doch was nicht! Ich spüre, wie mein Interesse geweckt wird. Der Jagdtrieb meldet sich. Das Geld ist mir egal, obwohl es für mich eine nicht unerhebliche Summe darstellt. Aber ich habe meine Arbeit nie wegen des Geldes gemacht. Das Unrecht ist es, was mich reizt. Und zwar vor allem das schreiende, große Unrecht. Die Scheinheiligkeit und Verlogenheit mancher Zeitgenossen ist es, was mich seit Jahren antreibt. Wer auch immer dieser Victor Pineda ist, er muss einen Grund haben, soviel Geld für die Suche nach seiner Tochter auszugeben und das mir, einem deutschen Steuerfahnder, zu übertragen. Zu gut deutsch: Die Sache stinkt. Ich richte mich auf, mein Entschluss ist gefasst. „Also gut, Anatol, ich nehme die Sache an. Ich werde versuchen, die Tochter von Herrn Pineda zu finden.“ Anatol nickt befriedigt. Wahrscheinlich denkt er, dass sein Geld wie immer seine Wirkung gezeigt hat. „Gut, das freut mich. Carmen Pineda wurde zum letzten Mal im Hotel Timanfaya Palace gesehen. Ich habe für Sie dort ein Zimmer reservieren lassen. Melden Sie sich einfach an der Rezeption. Dort liegt auch das Geld für Sie bereit. Auf Wiedersehen, Señor Gruber.“ Der Mann lüftet seinen Hut und zieht sich augenblicklich zurück. Ich bin leicht verblüfft. Er hat schon ein Zimmer reservieren lassen? Die müssen sich ja ihrer Sache sicher gewesen sein. Ich schaue nochmal mit einem letzten Blick über den Strand und über die Anlage, ehe ich mich aufmache, meinen seltsamen Auftrag zu erfüllen.